INTERVIEW MIT GUEST PROF. ROBERT A. SEDLÁK

CEO S&P Consulting | Guest Professor an der ECNU, Shanghai

Unternehmens­beratung im Dschungel der Systeme

Die Redaktion des Agora42-Magazin hat ausgewählten Personen zum Thema “SYSTEME” ein paar Fragen gestellt. Auch Robert A. Sedlák, Gastprofessor an der East China Normal University in Shanghai, war einer ihrer Interviewpartner.

Abstrakte komplexe Gebilde werden heute schnell als Systeme bezeichnet, ohne zu wissen, was darunter genau zu verstehen ist. Ganze Wissenschaften erforschen Entstehung, Entwicklung, Einfluss und Beeinflussung von Systemen. Was bringt uns das Nachdenken über Systeme?

Bei unserer Arbeit unterscheiden wir zunächst zwischen trivialen und nicht-trivialen Systemen. Ein triviales System, wie z. B. ein Motor, ist zwar kompliziert, kann jedoch nach dem klassischen Ursache-Wirkungs-Prinzip bearbeitet werden. Über eine Fehleranalyse können die Ursachen für einen unerwünschten Zustand oder ein unerwünschtes Ergebnis festgestellt und dann behoben werden.

Nicht-triviale Systeme sehen wir als komplexe und operativ geschlossene Systeme, die von außen nicht einsehbar oder veränderbar sind. Die Beseitigung eines unerwünschten Zustands ist nicht unmittelbar möglich, sondern kann nur mit kommunikativen Interventionen innerhalb des Systems versucht werden. Das Ergebnis einer Intervention ist jedoch vorher nicht berechenbar. Bei einer Wiederholung der gleichen Intervention kann nicht einmal davon ausgegangen werden, dass das gleiche Ergebnis zustande kommt. Zu den nicht-trivialen Systemen zählen wir biologische, psychische und soziale Systeme, die selbstorganisierend existieren. So ist das psychische System eines Hundes unberechenbar, denn wenn Sie ihm z.B. aus Versehen auf den Schwanz treten, gibt es ganz unterschiedliche Möglichkeiten der Reaktion: So kann es beim ersten Mal sein, dass er wegläuft und Sie bei einer Wiederholung fest ins Bein beißt. Organisationen verstehen wir in diesem Kontext als komplexe Sozialsysteme, die – wie ein psychisches System – unberechenbar sind.

Mich hat diese Erkenntnis sehr demütig gemacht, wenn es darum geht, Veränderungen in Organisationen zu begleiten, da Veränderung nur aus dem System heraus entstehen kann, was große Auswirkungen auf mein Interventions-Repertoire als Beraters hat.

Woran bemerkt man Systeme im Alltag? Sind Sie in Ihrem Leben einmal einem System begegnet, haben sich daran gestoßen oder wurden dadurch gar unterstützt? Wie sind Sie damit umgegangen?

Wie schon gesagt kommt es darauf an, welche Systeme gemeint sind. In der Unternehmensberatung stoßen wir insbesondere auf Organisationen, die wir als besondere Form komplexer Sozialsysteme sehen. In Familienunternehmen haben wir es dann z. B. auch mit der Familie, mit der Gesellschafterversammlung sowie dem Beirat zu tun, die wir ebenfalls als Sozialsysteme mit einer ganz unterschiedlichen Logik beobachten können. Kommen dann unterschiedliche Systemlogiken zusammen, haben wir es mit Paradoxien zu tun, die es gut zu managen gilt.

Nach meinem Verständnis ist das Basiselement dieser Sozialsysteme die Kommunikation. In Organisationen ist die Entscheidung das wichtigste kommunikative Ereignis. Als Berater sehe ich meine Aufgabe darin, zu beobachten, wie Kommunikation stattfindet und wie eine Entscheidung zustande kommt. Aus meiner Sicht ist eine der größten Leistungen, die ein Berater erbringen kann, ein Management-Team dabei zu unterstützen, entscheidungsfähig zu werden bzw. zu bleiben und kluge Entscheidungen zu treffen, die dann auch eine Umsetzung erfahren. Denn eine Entscheidung ist nur dann eine Entscheidung, wenn im Sinne der Entscheidung Folgeentscheidungen getroffen werden.

Perspektiven und Meinungen junger Menschen werden in systemrelevanten Entscheidungen – sei es in der Politik, der Wirtschaft, der Wissenschaft etc. – kaum berücksichtigt. Von systemverursachten Krisen hingegen sind sie besonders betroffen (Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung, Rentenausfall, Umweltzerstörung). Welchen Rat geben Sie dieser Generation?

Die junge Generation ist gut beraten, sich mit den unterschiedlichen Systemlogiken zu beschäftigen und sich eine eigene Meinung zu bilden, ob sie das, was sie beobachtet, gut oder schlecht findet.

Nur über eine persönliche Meinungsbildung und Positionierung ist es möglich, notwendige Interventionen einzuleiten bzw. zu unterstützen. Ausgehend von dem gesellschaftlichen Nutzen, den die Funktionssysteme Politik, Wirtschaft und Wissenschaft bieten sollten, muss die nächste Generation entscheiden, ob sie die etablierten Strukturen und die damit erzielten Ergebnisse akzeptiert oder nicht. Schon in meiner Generation haben wir an unserem Bildungssystem vieles zu bemängeln gehabt – aber so richtige Systemveränderungen haben wir bisher nicht hinbekommen. Die anstehenden Herausforderungen werden jedoch Veränderungen erzwingen und hier sollte jeder junge Mensch für sich persönlich entscheiden, welche Erwartungen er an diese Systeme hat. Das ist dann die Voraussetzung, die richtigen Interventionen und die passenden Programme zu unterstützen, um den anstehenden Veränderungsbedarf in die Richtung zu beeinflussen, die man persönlich bevorzugt.

Seit Luhmanns Systemtheorie glaubt niemand mehr daran, dass sich soziale Systeme von Einzelpersonen verändern lassen. Trotzdem wächst das Unbehagen gegenüber Systemen, wie dem Wirtschaftssystem oder dem Staatssystem. Mal utopisch gefragt: Kann es eine systemfreie Zukunft geben?

Nach meinem Verständnis wird es immer Systeme geben, die unserer Gesellschaft einen Beitrag leisten und zu leisten haben. Anders wäre die Versorgung von 10 Mrd. Menschen und mehr nicht möglich. Da Sozialsysteme selbstorganisierende Systeme sind, wären wir gut beraten, genau hinzusehen, ob die Systeme den Beitrag leisten, den sie zu leisten haben. Ist dies nicht der Fall, sollten wir den Veränderungsbedarf in das gesellschaftliche Kommunikationssystem einspeisen und Entscheidungsprozesse unterstützen, die eine Systemveränderung ermöglichen. Wegschauen kann nicht die Lösung sein – das persönliche Engagement von jedem einzelnen ist gefragt, wenn es darum geht, die Zukunft zu gestalten!

Robert A. Sedlák

Robert A. Sedlák ist Senior Executive Consultant, Chairman und CEO bei S&P Consulting International Consulting. Seit 1987 arbeitet er als selbstständiger Unternehmensberater sowohl für DAX-Unternehmen als auch für mittelständische Firmen. Einer seiner Beratungs­schwerpunkte ist das Thema „Voraus­schauende Selbst­erneuerung“. Diese mit führenden Organisations­wissenschaftlern der Neueren Systemtheorie entwickelte Methode befähigt Organisationen dazu, Signale für Veränderungen früh zu erkennen und sie für einen Selbst­erneuerungsprozess gezielt zu nutzen. Darüber hinaus beschäftigt er sich intensiv mit der Frage, wie organisationale und personale Lern­prozesse im Rahmen von Change Prozessen optimal verzahnt werden können.

Seit 2013 ist Robert A. Sedlák Gast-Professor an der East China Normal University (ECNU) Shanghai sowie seit über 25 Jahren Mitglied im Bundesverband Deutscher Unternehmensberater BDU e.V. und ein nach CMC (Certified Management Consultant) zertifizierter Unternehmens­berater.